Narziss und Echo
Leslie Massi
Philosophe spécialisée en mythologie
Übersetzt von Juliane Borger
Während eines Spazierganges um einem See, trifft Narziß die Nymphe Echo und verliebt sich in sie. Während einer Jagd verletzt er sich und begibt sich ans Ufer eines Sees um seine Wunde zu reinigen. Dabei sieht er zum ersten Mal sein eigenes Spiegelbild im Wasser. Von diesem Tag an hält dieses Bild seine Gedanken gefangen; er kümmert sich um niemanden mehr, außer sich selbst. Er vergißt dabei sogar seine Liebe zu Echo. Sein ganzes Wesen wurde gleichgültig, bis hin zu seinen eigenen Gefühlen und seine Gedanken drehen sich nur noch um eins: seine äußere Erscheinung. Er nimmt diese jugendliche Unreife mit in den Tod, denn er stirbt jung. Die Götter verwandeln ihn in eine Frühlingsblume: die Narzisse. Was Echo betrifft, die sich vor lauter Liebe nach Narziß verzehrt, so findet sie keinen Sinn mehr in ihrem Leben und verkümmert langsam, bis auch sie schließlich ihr Ende im Tod findet. Die Götter verwandeln sie in ein Rauschen, das wie ein Echo zwischen den Blumenstengeln am Ufer des Sees singt, da wo auch Narziß selbst verlorenging. Auf diese Art und Weise sind sie nun für immer vereint: Narzissen in wunderschönen Farben, die jeden Frühling von neuem erblühen, aber Echo hat ihre Stimme und ihr eigenes Ich verloren ... als ob sie nichts anderes mehr täte, als - ohne ein wahrhaftiges Selbst – auf die hoffnungsvollen Berührungen der Blütenblätter zu reagieren. ...